come, ask the brooches!

Schmuck von

  Taehee In, Matthias Dyer und Alexander Friedrich  

vom 10.September bis 1.Oktober 2011

 Vernissage am Freitag, 9.September ab 17 Uhr

Galerie Schmuckfrage Berlin

Unknownname

  Come, ask the brooches!

 

Die Galerie Schmuckfrage zeigt Schmuck von Taehee In, Matthias Dyer und Alexander Friedrich drei Studenten, die in Idar-Oberstein Edelstein- und Schmuckdesign studieren.

 Ihre Generation wuchs auf mit Gameboy, Tastatur und Handy, in der Zeit als sich Kommunikation zur zentralen gesellschaftlichen Struktur entwickelte. Gebrauchsdesign als Synthese aus Industrie und Handwerk gab einer rasant wachsenden Anzahl neuer Dinge ein individuelles Aussehen und die selbstverständlich wirkende Fähigkeit mit ihren Nutzern zu sprechen. 

Auch die Stücke dieser drei Schmuckdesigner laden uns ein mit ihnen in Kontakt zu treten. In einem hohen Grad der Selbstreflexion, der Radikalität des Dialogs, den die Schmuckdesigner auf unterschiedliche Weise in ihren Schmuckstücken anbieten, zeigen uns die Stücke ihre besondere Qualität.

Es geht um grundlegende Fragen: was ist Schmuck, was kann Schmuck sein? Sie verweisen uns auf Unerwartetes, beanspruchen Raum und beziehen ihre Umgebung mit ein.

 In den Arbeiten zeigen sich dabei individuelle Schwerpunkte: Taehee In stellt in ihren Stücken mit Leichtigkeit den hierarchischen Aufbau traditionellen Schmucks auf den Kopf. Matthias Dyer benutzt architektonische Entwurfsverfahren zu seinen kraftvollen Formfindungen und Alexander Friedrich erkundet und verfeinert humorvoll das Verhältnis von Schmuck und Träger.

Ganz im Sinne der Tradition ihrer Schule ist den drei sehr eigenständig arbeitenden Schmuckmachern eine hohe Sensibilität für Materialien, besonders für Steine gemeinsam. In ihren Arbeiten erzeugen sie damit eine mehr als vordergründige Schönheit.
In der Ausstellung, die Sie vom 10. September 2011 bis 1.Oktober 2011 täglich - außer Sonntag - von 11 bis 19 Uhr besuchen können, lassen sich übrigens nicht nur Broschen befragen.

 links

Symposium SchmuckDenken VII (2011)
Drei Preise auf einem Schlag für Taehee In

Erfolg für Alexander Friedrich beim Wettbewerb "The Spirit of Stones"in Finnland

Teilnahme an "TALENTE 2011"- Sonderschau auf der Handwerksmesse München

 Buch

SchmuckDenken. Eine Theorie des Schmucks" bei ARNOLDSCHE Verlagsanstalt Stuttgart

 mehr...

In die Arbeit von Taehee In führt uns eine ihrer Broschen ein, collagiert aus zwei Muschelgemmen. Zwei junge Frauen blicken zu zu den Rändern der Brosche. Taehee sägt in die vorgefertigten Stücke die Profile zweier weiterer junger Frauen, beide gegen die Blickrichtungen nach innen gewandt. Mit diesem minimalen Eingriff lenkt Taehee In die unspezifische Ausrichtung der traditionellen Schmuckstücke zurück auf sich selbst.

Taehee In führt uns ins Innenleben der Schmuckstücke. Sie nimmt die Teile herkömmlichen Schmucks auseinander und reorganisiert sie, vertauscht Funktionen und Eigenschaften. Sie stellt in ihrer Serie „Mad House“ mit Leichtigkeit und Humor den hierarchischen Aufbau traditionellen Schmucks auf den Kopf.

Taehee_in_gemme

Nadeln gehören traditionell zu den versteckten Teilen einer Brosche, wenn gleich sie diese erst definieren.

Taehee bringt in einer Brosche die Furnitur zum Vorschein. Sie vergrössert und verdoppelt diese und verlegt sie nach oben, so daß dieser technische Teil der Brosche mit deren Schmuckvorderseite zu konkurrieren beginnt. Am unteren Rand des Anhängers sehen wir einen auffällig großen roten Rubin in Silber eingegossen und durch nachträglichen Schliff mit der Fassung auf eine Ebene gebracht. Im Sinne der Schwerkraft hat Taehee In hier die traditionelle Hierarchie von Schau- und Rückseite, von frontal bildhafter Schwerelosigkeit zu einem qualifizierten Nebeneinander umorganisiert.

Taehee_in_ruby

Taehee In erzeugt Irritationen die uns über den grotesken, hierarchischen Aufbau traditioneller Schmuckstücke nachdenken lassen, über deren vermeintliche Ordnung nach Funktionen, Schmuck- und Trageteilen. Sie verkehrt traditionelle Fertigungsreihenfolgen und fasst den Stein zuerst, schleift ihn dann. Sie enthüllt die verfestigten Strukturen traditionellen Schmucks, aber auch seine Kraft sich symbolisch selbst zu verhandeln.

 Matthias Dyer benutzt architektonische Entwurfsverfahren zu Erzeugung kraftvoller Formen.

Sein Ausgangspunkt ist der Stein - dessen Form, Farbe, Volumen. Entsprechend der Art des Steins baut er an diesen aus gefaltetem Papier neue Volumina an. Papier ist ein sehr abstraktes Material, dünn, zum zeichnen, entwerfen, skizzieren. Architekten haben in den letzten Jahren das Papierfalten als Quelle und Mittel dreidimensionaler Kreativität entdeckt. Auch Matthias Dyer versteht sich als eine Art Architekt. Papier gibt ihm eine neue, im Gegensatz zur Steinbearbeitung, leichte und freie Art der Formfindung.

Mit diesem Entwerfen der Baukörper entsteht gleichzeitig die Verschalung für die Bauausführung. Das Innere der Verschalung lackiert Matthias Dyer in kräftigen Farben. Dann füllt er klares Kunstharz in die auf einer Seite offenen Formen ein.

Das Kunstharz fasst den Stein. Nach dem Trocknen nimmt er die Papierschalung ab und enthüllt damit das fertige Stück. Teile des Lacks bleiben am getrockneten Kunstharz haften und überziehen die Stücke mit zufälligen graffittiartigen Ornamenten.

Matthias-dyer_broschen

Matthias Dyer baut auf den ersten Blick grob und frei wirkende Formen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber eine wohl überlegte Gestaltung. Durchsichtige Partien des Kunstharzes zeigen in ihrem Inneren eingefasste Steine. Das Kunstharz imitiert an diesen Stellen die Tiefe von Edelsteinen. Mit starker und differenzierter Farbigkeit stellen auch in Matthias Dyers Arbeiten untergeordnete Funktionsteile wie Fassung oder Ringschiene die Vorrangstellung der Steine in Frage. Eingegossenen Steine findet sie an unerwarteten Stellen, in fein differenzierte, aber enthierarchische kraftvolle Gesamtformen eingebunden.

Die Kommunikation innerhalb Matthias Dyers Stücke bezieht sich klar auf abstrakte Qualitäten. Mattheit, Glanz, Kantigkeit, Durchblick, positive, negative Form, oder klein und groß.

Alexander Friedrich hat mit sein Studium in Idar-Oberstein mit einer experimentellen Gegenüberstellung begonnen. Er nahm Steine, groß und flach wie Broschen und montierte Schreibmaschinentasten samt Gestänge daran. Schreiben auf Stein? War das nicht der Beginn unserer menschlichen Kultur? Es sind kleine Maschinen, die zum funktionieren bereit scheinen, die angefasst, bedient werden wollen.

Die flachen unscheinbaren Steine, ohne besondere Färbung und Form verweisen mehr auf die Oberfläche des Trägers denn auf sich selbst. Alexander Friedrichs Arbeiten beziehen den Träger mit ein. Ihn interessiert die Dreiecksbeziehung von Träger, Schmuck und Betrachter.

Friedrich entwickelt daraufhin Broschen in Form reduzierter menschlicher Organe – Leber, Herz, Lunge – denen er eine gebaute, bewegliche Oberfläche verleiht. Aus industriellen Kunststoffen sägt er Klötzchen unterschiedlicher Größe und ordnet sie auf flexiblen Gummischläuchen gelagert auf einer Grundplatte aus Plexiglas an. Körperteile zum Anfassen, weich, organisch, aber auch sehr sehr nah am Körper des Trägers. Sie laden den Betrachter ein zur symbolischen Körperberührung.

Alexander_friedrich_niere
Alexander Friedrich, der seine Stücke weit in den Umraum öffnet, sie kommunizieren lässt mit ihrem Träger, sie Aufforderungen aussprechen lässt, arbeitet mit sorgfältiger, geplanter Perfektion. Die Stücke halten ihrem Nach-außen-gerichtet-sein durch die Präzision ihrer Ausführung die Waage.

In seinen neuesten Stücken beginnt Alexander Friedrich seine ursprüngliche Profession und zweite Passion , die Steinbearbeitung, mit diesen neuen Formen zu verbinden. Bergkristall wird so geschliffen und auf Edelstahlröhrchen aufgesteckt als verberge sich ein industrieller Fertigungsplan für ein komplexes Funktionsteil dahinter.

Alexander_friedrich_spine

Alexander Friedrich lernt aus der Formensprache der Gebrauchsgegenstände seine Einladung zum Anfassen in neuer Weise zu formulieren. Neue Formen sind fähig allerlei Einflüsse und Bezüge nach und von außen aufzunehmen und am Körper des Trägers aktiv anzusprechen.

'Come, ask the brooches!', zu deutsch: Fragen Sie die Brosche! der Titel, den wir für diese Ausstellung gewählt haben, ist eine Einladung Botschaften und Diskurse in Schmuckstücken wahrzunehmen.